Mittwoch, 23. Juli 2014

Wie lebt man Brauchtum?



Meine lieben Leser,

der Sommer ist mit großen Schritten gekommen und die Ferien sind für mich nun auch da. Ich habe also viel viel Zeit für die Jagd und auch zum Lesen.

Mein Schwager deckte mich mit vielen Büchern ein und nun habe ich begonnen eines davon zu lesen.
Es heißt "Jagdliches Brauchtum" von Dr. Karl Lemke / Franz Stoy. Ich habe die zweite überarbeitete Auflage von 1977. Wenn ich diese Buch aufschlage dann riecht es nach Alt. ich weiß nicht so richtig wie ich das in worte fassen soll, aber ich glaube jeder der ein altes Buch aufgeschlagen hat, kennt diesen angenehmen Geruch. Das gibt mir irgendwie ein wohliges Gefühl. Wenn ich dann noch überlege, welcher Jäger es vielleicht vorher schon in seinen Händen hielt, bin ich dankbar es nun in meinen Händen halten zu dürfen.

Die ersten Seiten handeln von der Geschichtlichen Entwicklung der Jagd und des jagdlichen Brauchtums. Dann wird weiter aufgegliedert in Waidmannssprache, Bräuche, Bruchzeichen und allgemeine Ausdrücke. Wichtig für mich sind alle diese Dinge. Meine Schwester und mein Schwager lehrten und lehren es mich, sie haben es von älteren Jägern mit auf den Weg gegeben bekommen und nun Leben sie die Jagd danach. Ich bewundere beide für ihre Hingabe und ihr Wissen. Man lernt nie aus und man sollte auch mit der Zeit gehen und sich natürlich anderen Ländern, deren Bräuche und Kulturen auch anpassen. Nicht überall wir unser Brauchtum gelebt, dass sollten wir uns auch vor Augen halten. Aber gerade Jagdscheinanwärtern die mit der Jagd nichts zutun hatten vor dem Kurs oder nicht in dieses Glück gekommen sind, es in er Familie zu erfahren, denen sollte man es beibringen und aufzeigen wie wichtig das ist.

In der Jagdschule wurde sehr darauf geachtet, dass wir in der Waidmannssprache reden und uns ausdrücken. Haben wir das nicht getan, gab es einen Anpfiff. Hat meiner Meinung nach nicht geschadet ;-).. Ich konnte mich von Anfang an gut damit identifizieren, war für alles Feuer und Flamme, deswegen viel es mir nicht so schwer. Aber einige von uns hatten echt zutun. Denen viel es ganz schön schwer so zu reden und sich so auszudrücken. Aber so hatte ich ab und zu mal was zu lachen. ;-)
Auch mein Jagdkollege hat manchmal so seine Schwierigkeiten sich waidmännisch auszudrücken. Hihi ich finde es lustig und berichtige ihn dann einfach.  ;-) Meine Schwester bzw. mein Schwager haben mir zeitig klar gemacht wie wichtig das ist sich unter Jägern dann angemessen zu unterhalten. Gerade die alten Jäger, legen sehr viel Wert darauf.

Aber um auf das eigentliche zurück zu kommen. Mich entsetzt es derzeit eigentlich total, dass einige auf den Erntejagden ihre Stücke präsentieren, aber auf Brauchtum nicht geachtet wird. Ja das Aufbrechen um das Verhitzen zu vermeiden ist mir bewusst, darüber muss mich keiner aufklären, aber es wird doch wohl eine Minute Zeit bleiben dem Tier einen letzten Bissen zu geben. Auch ist es nicht so schwer das Tier auf die rechte Seite zu legen. Auf dem normalen Ansitz oder der Pirsch nehmen wir uns doch auch die Zeit dafür.
Man kann vor der Jagd schon kleine Brüche bereitlegen und bevor ich das Stück dann aufbreche und auflade, kann es hingelegt und geehrt werden. Niemand sollte sich nun davon angegriffen fühlen, nur stößt es mir auf. Auch sehe ich oft genug Bilder von Raubwild, welches nicht mal einen letzten Bissen hat. Ich finde es so schade. Wir nehmen uns das Recht heraus über Leben und Tod zu entscheiden und dann kriegen wir es nicht mal hin das Wild zu ehren, zumindestens nicht offensichtlich. Man sieht auf vielen Bildern halt nur das Wild und den stolzen Erleger, aber niemand weiß doch ob ihr es z.b. verblasen habt oder wie ihr es sonst ehrt. Einiger meiner Freunde sind keine Jäger und sie sehen nur ein Foto und das ist nun mal eine Momentaufnahme. Wenn wir das schon so hinnehmen und mir dann gesagt wird, ich solle es nicht so ernst nehmen, dann frage ich mich ob ich da was falsch sehe??

Ist es nicht das was uns von anderen abgrenzt? Unsere Waidmannssprache, unsere Bräuche und unsere Leidenschaft für das was wir tun?

Warum machen wir dann hier Abstriche? Warum nehmen wir uns nicht diese eine Minute Zeit?

Natürlich kann ich auch bei diesem Thema nicht nur auf einsichtige Reaktionen hoffen, aber das ist es mir wert. Vielleicht stehe ich mit meiner Meinung alleine da, es ist mir auch egal was nun alle von mir denken, aber ich lebe das Brauchtum so wie ich es gelernt bekommen habe, auch während der Erntejagd. Es soll jeder jagen wie er möchte und tun was er will, ich mache es anders und das ist gut so.
Diese Diskussion gab es jetzt schon auf Facebook. Einige Reaktionen werde ich hier mit hinein kopieren, anonym, denn ich habe jetzt nich gefragt ob ich es darf oder nicht.( Nicht das sich jetzt jemand darüber wundert )

Ich:
Lange habe ich mich zurück gehalten, aber nun will ich es wissen. Ich sehe so viel Bilder von erlegtem Wild Auf den Erntejagden und frage mich ob es üblich ist diesen Tieren keine Ehre Zu erweisen? Immer fehlt der letzte Bissen und auch sonst sehe ich keine Brüche und auch wenn es sehr warm ist, wird man ja wohl die eine Minute haben und das machen können. Ich bin einfach nur entsetzt

1. Also bei mir bekommen die Stücke auch ihren letzten Bissen und werden verblasen... aber man kann das schonmal vergessen... ist noch kein Grund zum Enzsetzen, da wirst du in deinem Jägerleben noch schlimmere Sachen sehen.

2. Das habe ich auch schon mal angemerkt. Da hieß es dann " wir waren mal Ernten". Ich finde es furchtbar. Keine Ehrfurcht vor dem Geschöpf. Der Brauchtum bleibt leider zurück. Da liegen Tiere auf der falschen Seite, es fehlt der letzte Bissen, vom Bruch fehlt alles. Ich finde es sehr Traurig. Ich Liebe den Brauchtum und führe ihn auch ständig aus.

3. Mich regt auf, dass Fallwild nicht die geringste Wertschätzung erfährt. Wird ein Stück Wild auf der Treibjagt geschossen, wird ein Riesenpromborium mit Strecke legen, Brüchen, Schwedenfeuer, Verblasen, Hut ab gemacht...alles ok. Wird so ein armes Luder überfahren, bleibt es oft tagelang im Straßengraben liegen, bis es dick aufgegast ist und die Läufe in alle Himmelrichtungen streckt. Kein Jäger ist fühlt sich zuständig...angeblich wegen der Jagdsteuer Wenigstens von der Straße räumen kann man sie ja wohl!!!! Wo bleibt da die Jägerehre?? Es ist des Jägers Ehrenschild...alles nur Blabla??

4. Bin ich jetzt ein schlechter Jäger, weil ich nichts von diesem Brauchtum halte? ? Ich jage in der ganzen Welt, habe den luxemburgischen, deutschen, belgischen und französischen Jagdschein. Der letzte Bissen ist eine Erfindung des deutschsprachigen Raumes. In Frankreich, Belgien und Luxemburg und vielen anderen Ländern der Welt ist diese Tradition unbekannt, haben die Jäger dieser Länder also weniger oder keine Erfurcht vor der Kreatur, nur weil sie ihr Wild nicht auf die rechte Seite legen und nicht mit einem Bruch versehen!! Mein Großvater und mein Vater, welche mich das Jagen lernten, haben nie im deutschsprachigen Raum gejagt und ein Erlegerbruch war ihnen Fremd, soll ich sie deshalb jetzt als schlechte Jäger ohne Erfurcht vor der Kreatur betrachten? Wenn ich in Deutschland jage, passe ich mich Notfalls dieser Tradition an und ich persönlich finde es soll einem jeden überlassen sein wie er die Jagd ausübt. Respekt denjenigen welche eine Tradition weiterführen aber man soll diejenigen nicht verachten welche eine andere Ansicht haben. Die Jagd hat sich modernisiert und verschiedene Bräuche gehören in meinen Augen der Vergangenheit an. Ich persönlich finde den letzten Bissen sogar eher makaber. Durch meinen Beruf bin ich regelmäßig mit Leichen konfrontiert, ich stecke diesen ja auch nicht eine Zigarette in den Mund um ihnen die letzte Ehre zu erweisen!

5....es ist halt Brauchtum. Ich persönlich finde den letzten Bissen auch ein wenig makaber (ebenfalls berufsgeschädigt) und hab das Ganze deswegen oben schon als "Promborium" bezeichnet. Man möge mich jetzt steinigen....JETZT!!! So..vorbei! Ich lege halt Wert darauf, dass man sein Wild ordentlich heimtransportiert und nicht, wie oft gesehen, haufenweise auf einen Anhänger knallt; dann zu Hause sauber aufbricht und verwertet. Kein Metzger darf so mit seinem Vieh umgehen wie oft mit Wild verfahren wird und niemand würde einem solchen Metzger etwas abkaufen. Es sind Lebewesen und wer Fleisch essen will, muss Tiere töten oder töten lassen-dessen sollte man sich bewusst sein! Und ein Stück Wild, das vor ein Auto läuft, ist auch nicht weniger wert, nur, weil es nicht mehr verwertet werden kann. Jetzt nicht lachen: ich setze mich lieber noch eine Minute zu meinem erlegten Wild und lasse seine letzte Lebenszeit noch mal Revue passieren.

6. Ich finde an Tradition und Brauchtum nichts Verwerfliches, im Gegenteil, es ist etwas sehr Schönes, gewisse Werte von Generation zu Generation weiterzugeben und zu bewahren, dazu gehören für mich auch der letzte Bissen für das Stück und das Verblasen des Wildes, Gerade das ist doch wohl auch für den Jäger der Moment des Innehaltens und nochmaligen Reflektierens des Jagderlebnisses! In der Jagdausbildung unserer Jägerschaft gibt es auch das Fach " Tradition und Brauchtum", das von meinem Mann mit viel Herzblut und Leidenschaft unterrichtet wird! Für mich sind Jagd und jagdliche Traditionen untrennbar, das sehe ich genau so wie Du und finde es gut, daß Du Dich nicht scheust, den Finger auf bestimmte Sachen zu legen und Kritik zu üben!

7. Der Werteverfall in unserer Gesellschaft spiegelt sich halt auch in der Jagd wieder. Dies tut er aber schon sehr lange. Dieser Umstand wurde in der Jagdpresse schon vor 100 Jahren angemahnt. Wieder ein Beweis, daß sich alles auch weiterentwickelt. Wenn ich getötet habe erweise ich mit den Brüchen dem Wild die letzte Ehre und mache auf diese Art und Weise meinen Frieden mit der Kreatur. Ein Stück Fallwild behandle ich auch mit dem nötigen Respekt, allerdings habe ich es nicht erlegt und den letzten Bissen müsste eigentlich der Autofahrer geben. Liebes Phinchen, gräme Dich nicht! Wie Du siehst hat jeder eine andere Auffassung der Jagd. Ich habe mich längst damit abgefunden, daß es vielen nur noch um ein Trophäenfoto auf Facebook geht, als um den stillen Moment, das Innehalten und (klingt zwar etwas patetisch) dem Verneigen vor der Natur ( in meinem Fall auch vor Gott). Das Brauchtum hat immer von den wenigen gelebt und wird dies auch in Zukunft tun. Andere in diesem Fall zu missionieren ist vertane Lebenszeit. Solange es aber noch solche Jäger wie Dich gibt, sorry Jägerinnen, welche dieses Stück Brauchtum erhalten, vielleicht noch mit dem entsprechenden Totsignal dies auch unterstreichen, vielleicht auch noch einen brauchbaren Jagdhund führen, so lange wird es auch das jagdliche Brauchtum in unserem deutschen Heimatland geben! Ich freue mich sehr, daß Du die sächsische Jägerlandschaft aktiv bereicherst!

8. Nichts gegen eure deutschen Traditionen, aber da mein jagdlicher Horizont vielleicht etwas erweitert ist, sehe ich das mit anderen Augen. Jedes Land hat andere jagdliche Traditionen und die Jagd wurde nicht in Deutschland erfunden. Ich kann halt nicht alle jagdlichen Traditionen, welche ich durch verschiedene Kulturen kennen gelernt habe, anwenden. Ich habe selbst ein Revier in Deutschland und auf Drückjagden achte ich sehr darauf dass in meinem deutschen Revier auch die deutschen Traditionen, wie Strecke legen, Verblasen der Strecke und Überreichen des Erlegerbruchs gewahrt werden. Dies können auch so einige deutsche Jäger bezeugen. Wenn ich aber auf dem Ansitz oder der Pirsch ein Stück Wild erlege, zählen für mich halt andere Werte als ein letzter Bissen oder ein Erlegerbruch. Deshalb bin ich aber kein schlechterer Jäger und es soll auch nicht heissen, dass ich keine Ehrfurcht vor der Kreatur habe. Also bitte nicht falsch verstehen, ich will eure deutschen Traditionen nicht angreifen, und finde es gut, dass sie gewahrt werden. Ich wollte lediglich erklären, dass es auch anders jagende gibt.

9. Bei uns werden die Sauen nach der Jagd verblasen und die Brüche verteilt und gelegt..und natürlich nach den Schuss ziemlich schnell aufgebrochen..wir jagen eigentlich nur Frischlinge ...jugendklasse geht vor...

10. Kaiser Wilhelm hat weit über 2000 Hirsch geschossen, ein Weidmann war es deswegen nicht. Es kommt niemals auf das Wieviel an, sondern immer nur auf das Wie! Leider glaubten und glauben viele dt. Jäger, daß an unserem Brauchtum die Welt genesen soll. Daher müssen wir uns auch permanent bei allen für unser jagdliches Tun entschuldigen. Verständnis und Toleranz gehören genauso zu den jagdlichen Tugenden wie Mut und Tapferkeit. Wahre Weidmänner erkennen sich, da braucht es meist nicht viele Worte! ( ihr lieben Weidfrauen natürlich auch)

Nun können wir alle selber entscheiden wie wir das Brauchtum umsetzen und leben. Nur sollten wir immer daran denken, dass wir alle in der Öffentlichkeit und unter wachsamen Augen stehen. Es kann ja jeder einmal in sich gehen und fragen wie waidmännisch das ist, was er tut.  Haltet mich für engstirnig oder sonst was, aber ich kann mit guten Gewissen sagen das meine Schwester, mein Schwager und auch ich alles ehren. ( Auch nach vielen vielen Jahren der Jagd )!! Ich ehre es noch einmal hier öffentlich in meinem Blog und in meinem handschriftlich geführtem Jagdtagebuch. Wenn alle so ludrig mit dem Brauchtum und der Waidmannssprache umgehen und sagen: "Ach das machst du jetzt noch ,aber in ein paar Jahren sieht das anders aus", dann frage ich mich ob es in vielen hundert Jahren noch das deutsche Brauchtum und alles was dazu gehört noch gibt und das macht mir Angst. Ich werde jedenfalls voller Stolz meinem Kind mal erklären und zeigen wie wichtig das alles ist und das es erhalten bleiben muss. Ich will mich in vielen Jahren auch noch von Nicht-Jägern abgrenzen können. Es sollte in der Jungjägerausbildung mehr Wert darauf gelegt werden, was Brauchtum ist und wie es so gelebt wird. Das es da Unterschiede gibt ist normal und jeder gibt dem Brauchtum seine persönliche Note -  was ich sehr schön finde.

Auch wenn ich damit nichts ändere und ich mich der Kritik aussetzen muss, möchte ich damit zum DENKEN anregen. Mehr nicht!!!
Also nicht angegriffen fühlen, sondern sich versuchen hinein zu versetzen.

Auf diesem Wege DANKE ich meinem Schwager, meiner Schwester und meinem Ausbilder. Sie zeigen mir immer wieder wie wichtig das alles ist und das man sich die Zeit für das alles nehmen sollte.



Ich wünsche euch allen trotzdem eine schöne und sonnige Woche, mit vielen schönen Anblicken und Waidmannsheil.

Fühlt euch geherzt

Eure Josi

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